Bewegte Zeiten – Stierblut, Thor und Migration

Bewegte Zeiten – Stierblut, Thor und Migration

Ich habe mir letztes Wochenende die Ausstellung „Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland“ angesehen. Natürlich vor allem wegen der Himmelsscheibe und der Berliner Goldhüte – da bin ich einfach gestrickt. Alles was blinkt und in den Himmel weist, kommt bei mir gut an. Jedenfalls bin ich dann mit freudiger Erwartung in den abgedunkelten Raum am Ende der Schau getreten, hab ein älteres Ehepaar vor der Vitrine abgedrängt und wollte mich gerade geistig mit meinen Ahnen verbinden, als der Opa von hinten trötete, „Is nur eine Kopie, Schatz.“ Schatz? Aber tatsächlich, zwar mit Gold und Bronze, Patina, Beulen und Rissen, aber nur eine vermutlich nicht mal 1 Jahr alte Kopie. Eine Kopie dramatisch angeleuchtet wie der Heilige Gral himself. Ich war 4 Tage zu spät gekommen. Das Original war zurück auf den Weg nach Halle.

Die bewegte Himmelsscheibe

Von Dbachmann, CC BY-SA 3.0

Das bisschen spirituelle Stimmung, welches mein an spirituellen Stimmungen generell armes Gefühllebens aufgebracht hatte, sackte in sich zusammen. Und war auch durch den „Herrn von Boilstädt“, eines entfernten thüringischen Verwandten, nur in unzureichendem Maße wieder herstellbar. Ich fühlte eher mit dem geköpften Pferd, das man im Grab nebenan gefunden hatte. Es ist eine Tatsache, dass mich die Information, statt des Originals gerade eine Kopie dieses wahrscheinlichen Kultgegenstands anzusehen, völlig aus dem Konzept brachte. Ich fühlte mich auch leicht verarscht. Es machte eben einen Unterschied sich vorstellen zu können oder eben nicht vorstellen zu können, wie stinkende, abergläubische anhaltinische Bauern diese Schüssel, genau diese Schüssel, vor 4000 Jahren über den Kopf hielten und angestrengt nach den Plejarden am Nachthimmel suchten, damit sie die mickrige Gerste auf den Feldern ernten konnten. Die 4000 Jahre sind entscheiden für einen bisschen spirituellen Grusel. Jetzt konnte ich mir den Restaurator oder Kunstschmied bei seinem Tun vorstellen, wahrscheinlich mit Kittel, Mikroskopbrille vor den Augen und Radio Brandenburg dudelnd in Hintergrund. Aber sei es drum.

Herr von Boilstädt

„Herr von Boilstädt“ abgekämpft auf dem Ruhelager. Von Ulrich55 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,

Die Geschichte der Himmelsscheibe ist ja auch deswegen interessant, weil Archäologen sie nicht bei offiziellen Grabungen am Mittelberg in Sachsen Anhalt gefunden haben, sondern die Polzei in einem Basler Hotelzimmer als sie dem Landesmuseum in Halle für 380 000 Euro von ein paar Gentlemen angeboten wurde. Überhaupt gab es noch einen recht bizarren Streit um Echtheit und Alter der Scheibe, die Peter Schauer, Prof. für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Regensburg per Leserbrief in der FAZ angezettelt hatte. Nur das war kein Thema in  Ausstellung. Jedenfalls: Nachher im Museumsshop konnte man das Ding für 800 Euro dann kaufen.

Stierblut

Hab ich nicht.  Ich habe Bücher gekauft und bin auch schon eifrig am Lesen. Begonnen habe ich mit Jutta Voigt, Stierblutjahre, Die Boheme des Ostens. Ich bin jetzt halb durch und denke die ganze Zeit: was für  verschwendeten Möglichkeiten und Potentiale dieses Land doch hatte. Hätte man die mal machenlassen, dann wär es nicht so traurig den Bach runtergegangen . Das 11.Plenum es Zentralkomitees der SED 1965 beendet erstmal alle hochfliegenden Träume der DDR-Sozialimus könnte mehr sein als eine kleinbürgerliche und kleingeistige Funktionärsbürokratie.  Aber um einem Missverständnis vorzubeugen, in der DDR ließ es sich vorzüglich bohemisieren, nur eben nicht offiziell. Die Nischenexistenz, dass war die Lebenswelt für Boheme, Blueser, Punker und dem ganzen Gesocks. Miete, Fressen, Saufen billig, Arbeit, wenn es unbedingt sein musste, immer verfügbar, Kunst macht man selbst. Nur etwas werden, sollte man nicht werden wollen. Das ist auch schön bei Flake (Tastenficker) nachlesbar, dem Keyborder von Rammstein.

Interessant der von Jutta Voigt herausgestellte großbürgerliche Zug der Ost-Boheme: die Salons und privaten Räume für Literatur, Musik und Kunst, die großen Altbauwohnungen mit Bibliothek und Biedermeier-Möbel. Das Wesen der Ost-Boheme war eben nicht, wie sonst in der Welt, anti-bürgerlich, ganz im Gegenteil. Juta Voigt gibt viele Insidergeschichten zum Besten, arbeitet das Thema aber auch soziologisch und historisch auf. Lesenswert.