Bookporn

Was macht der Dichter, wenn er viel zu tun hat? Richtig, Freizeit. Er hängt rum, wahlweise im Cafe, im Jobcenter oder im Buchladen, ganz selten liegt er besinnungslos an der Bushaltestelle. Ich habe mich diesmal für den Buchladen entschieden. Und seit gestern einen neuen Lieblings-Second-Hand-Buchladen: den „Berliner Büchertisch“ in der Gneisenaustrasse. Als der noch am Mehringdamm im Hinterhof war, fand ich den noch nicht so heiß, aber jetzt… Das Stöbern hat richtig Spaß gemacht, wie man auf dem Foto sieht, habe ich einen Sack Bücher herausgetragen. Mein Nummer 1 Buchladen für Frischbuch bleibt „Shakespeare and Company“ in Wilmersdorf.

Wie der geneigte Leser außerdem festellen kannt, ist meine derzeitige Buchwahl doch stark vom Zeitgeist geprägt: Identitätssuche mit einem Schuß methodischem Anarchismus. Viel historisches, denn wer die Vergangenheit nicht kennt, kennt keine Gegenwart und die Zukunft erscheint ihm als Zauberei.

Besonders gefreut hat mich allerdings, dass ich die DDR-Ausgabe von „Munro Leaf, Ferdinand, der Stier“ geschossen habe. Mit den Illustrationen von Werner Klemke. Das besondere an dem Buch ist die „Handschrift“ Klemkes. Das Buch ist nämlich nicht in Druckbuchstaben gesetzt, sondern in bunter Handschrift. Das ist cool. Und die Geschichte vom Stier, der lieber unter der Korkeiche sitzt und an den Blumen riecht, statt mit den anderen Stieren die Köpfe aneinanderzuschlagen, auch heute noch aktuell.

Gespannt bin ich auch auf Werner Bräunig, „Der Rummelplatz“ und Edgar Hilsenrath, „Das Märchen vom letzten Gedanken“. Bräunig schrieb seinen Roman Anfang der Sechziger und geriet 1965 wegen der realistischen Schilderungen der sozialistischen Produktion im Uranabbau in die Kritik der SED Führung. Der Roman wurde, wie viele andere Kunstwerke, ab dem 11. Plenum des Zentralkomitees, verboten. Erst 2009 erschien er ungekürzt im Aufbau-Verlag. Dabei war der Bräunig ein schon paradox klassisches Beispiel für den im „Bitterfelder Weg“ propagierten „schreibenden Arbeiter“.

Angefangen habe ich aber erstmal mit Levi Strauss „Rasse und Geschichte“. Wer jetzt wegen des Titels verwerfliches vermutet, besonders dem sei die Lektüre angeraten. Der biologistische Rassebegriff war wissenschaftlich nie zu halten, daraus aber abzuleiten, dass es keine offensichtlichen Unterschiede sowohl im Aussehen als auch in der Kultur der Menschen gibt, ist entgegen jeder Alltagserfahrung. Bei dieser Erkenntnis setzt das Buch an. Die Unterschiede erklärbar zu machen, ohne Rassen biologisch (un)begründete Eigenschaften zuzuweisen. Kluger Anti-Rassismus, weil er die unleugbare Tatsache, dass unterschiedliche „Rassen“ in der Menschheitsgeschichte unterschiedliche Kulturen und Gesellschaften hervorgebracht haben, nicht verschämt ignoriert. Sondern sie einer Analyse unterzieht.