Über den Autor

Über den Autor

Daniel Marschall ist 1974 in Bad Salzungen geboren, hat vier Geschwister und  lebt  mit Frau und zwei Kindern in Berlin. Nach dem Abitur am Sportgymnasium Oberhof studierte er Politikwissenschaft in Jena, Potsdam und Berlin. Er bereiste mehrfach den indischen Subkontinent, Indo-China, den Nahen Osten, das südliche Afrika und Nord- und Südamerika. Er arbeitet als Sozialarbeiter in Berlin-Neukölln.

Herr Marschall, Sie sind ein völlig unbekannter Autor, noch dazu aus Berlin, einem Ort an dem an unbekannten Autoren ja kein Mangel herrscht, warum sollte gerade Ihnen jemand zuhören? Geschweige denn Ihren Roman mit dem unlustigen Titel „Der Denunziant“ kaufen?

Ich danke Ihnen, dass Sie meinen lächerlich geringen Bekanntheitsgrad erwähnen und sich nicht scheuen, die im Zusammenhang mit meinem Debüt-Roman relevanten Fragen zu stellen: Wozu und für Wen? Wozu habe ich den Denunzianten geschrieben? Naja, um die zwei für mich wesentlichen Dinge über die Ostdeutschen zu erzählen, einmal über ihre bemerkenswerte Bereitschaft Augen und Ohren aufzuhalten und zum anderen über ihre unglaublich Reise- und Entdeckerlust nach der Wende. Übrigens, was meinen Bekanntheitsgrad betrifft, haben Sie nur teilweise Recht. Erst gestern wurde ich auf der Pannierstraße in Neukölln von zwei jungen Männern angesprochen, ob ich immer noch an meinem Buch schreiben würde. Glücklicherweise schreibe nicht mehr daran, aber es hat verdammt lange gedauert dieses Buch zu schreiben.

 

Wie lange?

Zehn Jahre plus drei Jahre Umarbeitungen im Zuge der Veröffentlichung durch den Renneritz-Verlag.

 

Das ist ungewöhnlich lang, gerade für einen unbekannten Autoren aus Berlin.

Ja, ja unbekannt und auch unlustig, gut das Sie darauf noch mal hinweisen. Aber wegen dieser meiner Unbekanntheit wusste ich, dass ich nur diese eine Chance bekommen würde. Daher auch die schlechte Laune, die ich beim Schreiben hatte. Entweder mein Erstling würde veröffentlicht oder ich könnte mich zum Manuskript in die Schublade legen. Und, naja, auch weil mich das Thema ziemlich gefordert hat. Ich habe versucht zwei Dinge zu erzählen: eine Kulturgeschichte des Verrates und die Erlebnisse eines DDR-Charakters in der weiten Welt. Und wie er sich abstrampelt auf der Suche nach einer neuen Identität. Ich erwähnte es schon: der Verrätertypus steht für einen speziellen, aber recht häufig existierenden Ostcharakter. Hier muss man bedenken, dass am Ende der DDR ungefähr ein IM auf 89 Bürger kommt – eine stattliche Anzahl. Und der Wunsch nach Reisen in ferne Länder war ein fester Bestandteil des eingemauerten Bewusstseins vieler DDRler. Was lag also näher, als einen Informellen Mitarbeiter des Ministeriums für Staatssicherheit auf eine Weltreise zu schicken? Ihn unfreiwillig eines der Revolutionsziele erfüllen zu lassen, gegen die er im Grunde ja gearbeitet hat. Und ihm dabei zuzusehen, wie er versucht sich zu dem Fakt zu verhalten, dass die Bezugspunkte seiner Identität nicht mehr existieren.

Eine denunziatorische Grundhaltung und Fernweh als typische Eigenschaften der Ostdeutschen?

Beides sind für mich Extrakte einer Existenz in der DDR und seiner Revolution. Der kleinbürgerliche Denunziant und das zwanghafte Reisebedürfnis der Ostdeutschen. Auch wenn es bei vielen mit Malle im Sommer und Winterurlaub in Österreich getan war. Ich selbst war in den neunziger Jahren nur selten zu Hause. Eigentlich macht mir das Reisen ja keinen Riesenspaß, es ist ja vor allem Anstrengung: abgeranzte Hotels, tagelange Busfahrten, stinkende Unterwäsche. Aber ich bin um die ganze Welt getourt. Also, mein Protagonist ist ein ehemaliger IM, der im Juli 1990 selbst denunziert wird und aus seiner Heimatstadt flüchtet. Er flüchtet zunächst nach Indien. Indien ist natürlich sehr groß, da stößt ihm allerhand zu. Dann nimmt er an einer Expedition auf der Suche nach Atlantis teil, erleidet Schiffbruch, kämpft auf dem Meer ums Überleben, überlebt und wird an den Strand eines Slums in Tansania gespült. Heiratet die Tochter des Slumlords. Später arbeitet er dann als Kaufhausdetektiv bei Karstadt in Berlin.

Klingt abenteuerlich.

Genau, der Roman ist als spannender Abenteuerroman mit Schiffbruch und fernen Ländern konzipiert. Aber ferne Länder haben ja in diesem Genre den Sinn, den Helden in die Auseinandersetzung mit sich selbst und seiner Zeit zu stürzen. Die Besonderheit der Ostdeutschen ist, dass nach der Wende dieses Selbst ihren Ort und, je länger die Sache zurücklag, auch ihren Gegenstand verloren hatte. Der DDRler ist idenditär gebrochen, biografisch ins Unrecht gesetzt und manche richtig verwirrt. Gute Voraussetzungen, um mit etwas neuem anzufangen, möchte man meinen. Aber der neoliberale Westen befindet sich, nach kurzem Triumphgeheul nach dem Ende des Kommunismus, ja selbst in einer Identitätskrise, alles ist flüssig und in Bewegung, alles Ständische ist verdampft, in dieser Situation gibt es für den Ossi wenig zu holen. In diesen Treibsand lassen sich keine Wurzeln schlagen.

Der Protagonist verliebt sich und heiratet die Tochter eines tansanischen Slumlords?

Liebesgeschichte muss natürlich sein. Sie gehört essentiell zur Glücks- und Identitätssuche dazu. Dass die Liebe in einem afrikanischen Slum gefunden wird, soll illustrieren wie weit sich der Protagonist in die Fremde wagt, um eine neue Zugehörigkeit zu finden. Ich denke, für einen Mitteleuropäer ist das eine fast maximale Entfernung zu seiner Herkunft und für seine Fähigkeit zu lieben. Aber die Sache geht nicht gut aus.

Wie endet es denn?

Seien Sie versichert, es endet dramatisch.

Vielen Dank für das Gespräch.