Leseprobe „Der Denunziant“

Leseprobe „Der Denunziant“

Wie der Denunziant denunziert wird, sich klein macht und trotzdem in die Welt hinaus gestoßen wird.

Ich, IM Schriftsteller, wurde denunziert. So ist das. Direkt neben dem Eingang zur Bäckerei Kuchen-Otto, hatte der Denunziant auf die graue Hauswand geschrieben: »Gregor Packer ist ein Stasi-Spitzel. Holt ihn Euch!« Das war am 24. Juli 1990, halb neun Uhr morgens, ich war zweiunddreißig Jahre alt, auf dem Weg zur Schicht ins Kreisklinikum für psychiatrische und neurologische Medizin und ausgerechnet in diesem entscheidenden Moment meines Lebens spät dran.

Ich komme ungern zu spät zur Arbeit, aber ich musste etwas tun. Solch eine Denunziation war keine Kleinigkeit in jenen Tagen. Wer sollte das besser einschätzen können, als ich? Um Hilfe zu rufen oder Anzeige zu erstatten, kam natürlich nicht in Betracht. Damit riskierte ich dumme Fragen und Schlimmeres. Und das konnte ich nun gar nicht gebrauchen.

In jenem schrecklichen Augenblick vermisste ich das Ministerium. Für mich war unsere Sache noch nicht verloren, denn unsere Sache ist ewig. Deshalb, und um in Form zu bleiben, schrieb ich auch weiter meine Berichte. Weil nichts lächerlicher ist als ein unproduktiver Schriftsteller. Und das war ich ja: Ich war IM Schriftsteller. Diesen Namen hatte ich nicht ohne Grund gewählt. Denn solche plumpen Denunziationen, wie dort neben den Eingang zum Kuchen-Otto geschmiert, waren meine Sache nicht. Ich war Schriftsteller, kein Denunziant. So ist das.

Ich besah mir die Denunziation genauer. So viel Zeit musste sein, denn: Kenne deine Feinde. Aber viel kam dabei nicht heraus. Die Worte waren unregelmäßig und mit einem Pinsel geschrieben; mal groß mal klein. Die Farbe war an einzelnen Buchstaben heruntergelaufen, besonders an den Wortanfängen tropfte es nur so. Und beim Ausrufezeichen erreichte das weiße Rinnsal fast den Bürgersteig. Es war nichts Besonderes erkennbar, außer, dass das ganze Erscheinungsbild der Denunziation auf einen ungeübten Schreiberling hinwies. Um Schönschrift hatte der Verräter sich nicht bemüht.

Ich drehte mich vom Fenster, an dem ich gestanden und auf die Schmiererei geblickt hatte, weg und schlappte Richtung Bad. Nein, ich selbst war weder ein Denunziant, noch ein Verräter. Hinter mir standen die ruhmreiche Geschichte der Arbeiterklasse und der historische Materialismus. Auch in diesen schlimmen Stunden. Die waren nicht desertiert. So ist das.

Ich betätigte den Lichtschalter im Korridor, aber es tat sich nichts. Der Elektriker aus dem ersten Stock wollte den Lichtschalter längst repariert haben. Aber wahrscheinlich war auch der schon in den Westen abgehauen. Und so stand ich eine Minute lang in der Dunkelheit und dachte nach. Wer krakelte solche Verleumdungen an die Rodewitzer Hauswände? Wer wollte mir da ans Leder? Die Stadt war doch schon so gut wie leer. Alle rüber gemacht in den Westen. In meinem Haus wohnten von ehemals zwölf Parteien noch ganze fünf. Und wenn man den Elektriker abzog, nur noch vier.

Ob der Denunziant ein Mitarbeiter aus dem Kuchen-Otto war? Der schmuddelige Lehrling vielleicht? Wie ein Kandidat der Partei wirkte der nicht gerade, mit seinen langen Haaren, Jesus-Latschen und der Umhängetasche, die aussah wie ein mongolischer Wandteppich. Aber der hätte die Schmiererei doch wohl kaum neben die eigene Tür gepinselt.

Wer könnte von meiner Tätigkeit gewusst haben? Am wahrscheinlichsten war das natürlich bei meinen Eltern. Wir lebten ja fast Tür an Tür. Gesagt habe ich es ihnen selbstredend nie, das war nicht erlaubt. Da hielt ich mich auch dran. Aber selbst wenn sie es geahnt hätten, meine Eltern waren rot bis auf die Knochen, beide, die hätten dichtgehalten. Mein Vater wurde in Rodewitz nicht umsonst der Rote Sascha genannt. Der war ein Sohn seiner Klasse. So ist das.

Kollegen aus der Klinik kamen schon eher in Betracht. Das war möglich, waren ja auch Großschnauzen darunter, denen ich einige meiner besten Charakterstudien widmen musste. Nichts Ernstes, nur allgemeine Einschätzungen der familiären Verhältnisse, des Umgangs, des Klassenstandpunktes und so weiter, Kleinigkeiten halt. Ausgemachte Feinde des Sozialismus fanden sich nicht unter meinen Kollegen, da müsste ich mich schon schwer getäuscht haben. Aber ich täuschte mich sehr selten.

Die Einzige innerhalb meiner Familie, bei der ich mir eine Denunziation vorstellen konnte, war meine Oma Gerda. Allerdings lag Oma Gerda im Sommer 1990 schon seit zwei Monaten unter der Erde. Und auch lebendig wäre sie kaum in der Lage gewesen, solch eine Denunziation auf die Wand zu pinseln. Denn Oma Gerda war seit Jahren schwer krank – vaskuläre Enzephalopathie. Aber vielleicht hatte sie zu Lebzeiten was ausgeplaudert, denn die war so eine …die konnte die Roten nicht ausstehen. Die ist noch am Ende ihrer Tage, als ihre Vergesslichkeit schon in Apathie und Orientierungslosigkeit umgeschlagen war, zu ihres Führers Geburtstag aus dem Bett aufgestanden, in dem sie sonst wie gefesselt lag, um an den Jubiläums-Feierlichkeiten auf dem Marktplatz teilzunehmen.

Dass Oma normalerweise nicht mal mehr zur Toilette gehen konnte, war ihr regelmäßig zu Hitlers Geburtstag entfallen. Aus tiefster geistiger Umnachtung stieg sie am Geburtstag dieses Schweins aus dem Bett, um sich auf den Weg zu machen, den Festlichkeiten beizuwohnen.

Und immer wenn meine umnachtete Oma Gerda sich dann herausgeputzt aufmachen wollte, hingen sich meine Eltern an sie, und hielten sie, unter den Verwünschungen meines Vaters, davon ab. Solche Geschichten waren in der DDR ja keine Lappalie. Auf solche Vorkommnisse achtete das Ministerium genau. Ich beließ es aber bei beiläufigen mündlichen Erwähnungen gegenüber meinem Führungsoffizier.

Sehr bald ging mein Vater dazu über, Oma an besagtem Tag Schlaftabletten zu verabreichen. Er hasste es wie die Pest, sich dieses hässliche Datum in seinem Kalender markieren zu müssen, der ansonsten gefüllt war mit Nachbarschafts-Subbotniks, Tombolas zugunsten der SWAPO, Fußballturnieren mit chilenischen Genossen und den Treffen seiner SED-Grundorganisation. Mein Vater jedenfalls hasste seine Schwiegermutter aufrichtig.

Na, wie dem auch sei, Oma konnte es nicht gewesen sein. Aber wer war dann hinter mir her? Ich hatte doch penibel alle Sicherheitsvorkehrungen eingehalten. Vielleicht hatte man beim Sturm auf die Dienststelle des Ministeriums in der Kreisstadt doch Namenslisten der Informellen gefunden? Mein Führungsoffizier hatte zwar behauptet, man würde solche Listen aus Sicherheitsgründen nicht führen. Aber vielleicht hatte er gelogen? Wer konnte wissen, was bei dem Überfall auf die Ministeriums-Dienststelle in der Kreisstadt gefunden und entwendet worden war?

Die Plünderung der Dienststelle lag ein paar Monate zurück. Und ich war dabei, als der Mob die Dienststelle verwüstete. Ich war auf meinem Posten. Die meisten Akten fanden sich, nachdem der Mob ohne Gegenwehr in die Gebäude eingedrungen war, verstreut in den Gängen wieder oder dampften zu Asche verbrannt im Hof. Aber dass in den erkalteten Aschehaufen etwas für mich kompromittierendes übrig geblieben ist, war natürlich nicht auszuschließen. In der Erinnerung sahen die Notizen, die ich während meines letzten Einsatzes anfertigte, etwa so aus:

»Demonstrationszug mit ca. zweihundert staatsfeindlichen Personen erreicht die MfS-Dienststelle gegen acht Uhr abends. Keine Gegenwehr durch die Organe. Dem ersten Offizier begegne ich im zweiten Stockwerk. Keine Anstalten, dem konterrevolutionären Treiben durch Einsatz seiner Dienstpistole ein Ende zu setzen. Eine Beteiligung feindlicher Geheimdienste an der Aktion ist nicht auszuschließen. Stimmung unter den feindlichen Elementen ausgelassen und offen triumphierend. Einige Teilnehmer der feindlichen Manifestation rufen anti-sozialistische Parolen u.a. ›Nieder mit der Stasi-Krake‹. Jemand spielt Bluesmusik auf einem Kassettenrekorder. Allgemeiner Tumult. Keine geordnete Aktion erkennbar. Rädelsführer konnten nicht ausgemacht werden. IM Schriftsteller entfernt sich nach dreißig Minuten aus dem Objekt und gibt Observation zur eigenen Sicherheit auf.«

Ich fuhr an jenem Abend mit dem letzten Zug aus der Kreisstadt weinend nach Hause. Ich weinte um das Ende des Ministeriums, um das Ende der DDR und über meine eigene Ohnmacht, es nicht verhindern zu können. Im Abteil versuchten drei Fußballfans mich zu trösten, weil sie dachten, ich weinte wegen der Niederlage von Dynamo gegen irgendeinen Westklub. Aber Fußball interessierte mich nicht. Ihr Büchsenbier nahm ich trotzdem.

Seit jenem Tag habe ich versucht weiter zu machen, einfach weiter zu leben, auch ohne das Ministerium und die DDR. Ich ging pünktlich, also relativ pünktlich, zur Arbeit in die Klinik. Sprach mit meinen täglich weniger werdenden Nachbarn und Kollegen. Besuchte an den Sonntagen meine Eltern. Und versuchte überall das Bild größtmöglicher psychischer Ausgeglichenheit zu hinterlassen, obwohl es in mir wüst und leer aussah. Jawohl, wüst und leer. Hobbys im eigentlichen Sinn hatte ich, bis auf das Berichteschreiben, keine. Aber auch das betrieb ich weiter. Manchmal allerdings eher lustlos, das gebe ich zu. Es würde die Meisterwerke ja ohnehin keiner mehr lesen. Und ein Schriftsteller, der nicht gelesen wurde, war kein Schriftsteller. So ist das.

Jeden Mittwoch ging ich zu den Treffen unserer neuen Anstaltstheatergruppe, zu deren Leiter ich ernannt worden war, nachdem mein Vorgänger das Land Richtung Westen verlassen hatte. Wir probten, aus »aktuell-politischem Anlass«, wie die Klinikleitung es zu nennen pflegte, Schillers »Wilhelm Tell« mit den Angstpatienten und Entzüglern, ein paar Depressive waren auch unter den Darstellern. Ich selbst musste den Freiheitsapostel geben. Den Tell, ausgerechnet ich. Aber der Anstaltsleiter Prof. Dr. Vogel bestand darauf, meinte, dass man solch eine ernste Rolle keinem der Patienten überlassen könne, nicht in diesen historischen Zeiten, nicht in Zeiten, in denen Geschichte gemacht würde. Bei Prof. Dr. Vogel waren seinerzeit alle ihn umgebenden Vorgänge von historischer Dimension, epochal, etwas für die Geschichtsbücher oder zumindest geschichtsträchtig oder richtungweisend. Freiheitsdrama, dass ich nicht lache. Klar hätte einer der Depressiven den Tell spielen können.

Aber dort drüben an der Wand stand es, das hässliche Wort: Stasi-Spitzel. Das war zwar die Wahrheit, irgendwie, das will ich gar nicht bestreiten, obwohl Spitzel sicher der falsche Ausdruck war für das was ich tat – viel zu ordinär. Und der Feinheiten des Handwerks nicht gewahr.

Aber die Denunziation würde jetzt ihre Runde durch die Stadt machen. Wenn dort drüben an der Fassade stünde: »Ulrich Meier betrügt seine Frau!«, wäre das Gerücht innerhalb von zwei Stunden im Peking, meinem Stammlokal, gelandet, und man hätte sich vor Lachen kaum an der Theke gehalten und feixend Korn gepichelt. Und von dort aus würde sich das Gerücht lallend über die ganze Stadt verbreiten. Und am nächsten Morgen bekäme Ulrich Meier ein paar Schellen von seiner Frau und dürfte seine Koffer nehmen und ausziehen. So ist das.

Die Denunziation musste weg! Das war die einzige Möglichkeit, dem konterrevolutionären Mob noch zu entgehen. Denn ich war keinesfalls gewillt, so lange zu warten, bis irgendwelche bärtigen Gammler mit Kassettenrekorder in meine Wohnung spazierten und alles durcheinanderbrachten – im besten Falle. An den schlimmsten Fall wollte ich gar nicht denken, mit ein paar Schellen, wie für Ulrich Meier, wäre es dann sicher nicht getan. Es musste etwas passieren. Sofort!

Ich rannte also, nachdem ich Hose und Hemd übergeworfen hatte, treppab in den muffigen Keller, fand hinter dem bröckligen Kohleberg eine Dose grüner Lackfarbe und sprang wie ein Dreispringer bei der Olympiade über die Straße auf die verräterische Hauswand zu. Dann begann ich mit heftigen Schwüngen, die Denunziation unleserlich zu machen.

Als die Hälfte der Schmiererei überpinselt war, kam Frau Breskow wie zufällig aus dem Kuchen-Otto geschlendert und steckte sich eine ihrer dünnen Zigaretten an.