Leseprobe „Tonatiuh oder Apokalypse in Pasewalk“

Leseprobe „Tonatiuh oder Apokalypse in Pasewalk“

„Daniel Marschall überrascht mit einen cleveren Crossover-Roman, in dem Medien-Satire auf Social-Fiction trifft – dort, wo man beides überhaupt nicht vermutet: in den unendlichen Weiten Mecklenburg-Vorpommerns.“

Es musste eine Ausnahme bleiben. Diese lächerliche Berichterstattung über einen nicht stattfindenden „Weltuntergang“ konnte Konrad Falls Rückkehr in den Qualitätsjournalismus nicht aufhalten. Dafür würde Konrad Fall sorgen, jetzt, wo er trocken war. Nur im Moment musste er das Spiel mitspielen. Durfte nicht abtauchen in Selbstmitleid, Resignation und, nun ja, in den Alkohol. Das war für Konrad Fall, einem der bekanntesten
Sportjournalisten Deutschlands, am Ende des Jahres 2023, das Entscheidende.
Gestern hatten die Kollegen gelacht, als er sich auf der Redaktionskonferenz von Content Mafia 24 mit Händen und Füßen gegen diese Demütigung zu wehren versucht hatte. Sie hatten grinsend zu Boden geblickt, als er zornig erklärte, was er gewesen und wozu er eigentlich journalistisch fähig sei. Und dass das ganze Thema für einen wie ihn einfach nichts sei. Besonders von seiner Ex-Frau, Britta Hochstieg, hatte sich Konrad Fall mehr Unterstützung erhofft. Immerhin war sie die Chefredakteurin in dieser „Sklavenbude“, wie Konrad Fall Content Mafia 24 zu nennen pflegte. In einem Unternehmen, dessen einziger Existenzsinn in der Fütterung des zentralen Contentmanagementsystems des Sprang & Siegel Verlag bestand, des größten der zwei verbliebenen deutschen Medienhäuser auf dem Markt. Content Mafia 24 versorgte das CMS Minerva-N3ws® mit journalistischen Inhalten, die das System selbständig nach Auswertung der neuesten Trends anforderte, bearbeitete und publizierte. Die Redaktion, die größtenteils aus Systemassistenten bestand, hatte weder Einfluss auf die Themenwahl noch auf die Wege der Veröffentlichung. Sie waren die Heizer im medialen Kohlenkeller.

Und aus diesem Kohlenkeller wurde Konrad Fall nun von Minerva-N3ws®
zu einer Berichterstattung über einen definitiv nicht stattfindenden „Weltuntergang“ an die Erdoberfläche beordert.

Britta Hochstieg kannte die Qualitäten von Konrad Fall. Sie wusste, dass er bis vor kurzem ein bekannter Fernsehjournalist gewesen war. Sie wusste, dass er als einer der besten Interviewer im Land galt, trotz Minerva-N3ws®. Aber sie wusste auch, dass er, im Gegensatz zu den Algorithmen, ein unzuverlässiger Alkoholiker war, und so hatte sie das demütigende Gelächter der Kollegen geduldet, das auf die Dienstplaneinteilung durch Minerva-N3ws® folgte.
„Passt doch.“
„Hoffentlich schneiden die Azteken ihm nicht das Herz raus, da
oben in der Wildnis.“
„Wohl eher die Leber.“
„Müssen sie aber zu zweit anfassen.“
„Ich seh schon die Schlagzeile …“
„Mysteriöser Opfertod des Konrad Fall.“
„Nee, Apokalypse in Pasewalk. Das ist der Aufmacher.“


An Konrad Falls Enttäuschung über ihr Verhalten änderte auch nicht, dass Britta Hochstieg ihn am Ende der Redaktionskonferenz, die intern „CMS-Befehlsausgabe“ genannt wurde, beiseite nahm, um ihm endlich eine Position in der neuen Sport- und Eventredaktion in Aussicht zu stellen. Als Wiedergutmachung für den „Weltuntergang“ und das versaute Wochenende sozusagen.
Auf dieses Angebot hatte Konrad Fall seit Wochen gewartet und dass er bisher übergangen wurde, nahm er persönlich. Aber in der Redaktion von Content Mafia 24 interessierte es niemanden, ob „Kofa“ etwas persönlich nahm. Er galt als Auslaufmodell, als ein im Gnadenbrot seiner Ex-Frau stehender ehemaliger Irgendwas, der von den jungen, die Karriereleiter nach oben strebenden Systemassistenten sorgsam gemieden wurde. Konrad Falls berufliche Wege führten ihrer Meinung nach in die entgegengesetzte Richtung. Und er stieg die Leiter nicht herab, er stürzte sie hinunter.

Aber Konrad Fall hatte Pläne. Der von allen als alter Mann Belächelte wollte noch einmal wiederkommen. Denn er fühlte sich keineswegs alt, Konrad Fall war gerade erst fünfzig Jahre geworden. Zwar wirkte er zwischen den Milchgesichtern mit seiner von der Alkoholsucht gezeichneten Physis wie ein Stück altes Schwemmholz. Trotzdem sollte diese Anstellung bei Content Mafia 24 nur eine Durchgangsstation auf seinem erneuten Weg nach oben sein. Er fühlte, dass er die Jungen noch einmal würde wegmuskeln können. Immerhin war er eines der beliebtesten Moderatorengesichter im deutschen Sportfernsehen gewesen. Das war noch nicht lange her. Und das wieder zu werden, hatte er sich fest vorgenommen. Auch und gerade, weil ihn bei Content Mafia 24 die meisten Kollegen für ein Relikt aus der Vergangenheit hielten. Einer lange vergangenen Vergangenheit. In der Gegenwart setzten die Redaktionen nicht mehr auf Star-Journalisten wie ihn, sondern auf Technik: Lichtfeld-Hologramme, animierte Interviewer-Bots, Social-Bots, den KI-Contentmanager Minerva N3ws®, Infocrawler, Cluster Scanner, autonome Stative, intelligente Drohnen. Konrad Fall ahnte, dass es im Mediengeschäft inzwischen Produktionsmittel gab, deren Funktionsweise ihm so vollständig fremd war, dass er sie genausogut für Zauberei halten könnte. Aber er wollte kämpfen.


Schon vor seinem Umzug von München nach Berlin vor fünf
Jahren, hatte es wegen „der Sache“ einen unangenehmen Karriere-Knick gegeben.

Ihm war nach diesem peinlichen Aussetzer bei der Skiflug-Weltmeisterschaft in Oberstdorf 2018 nichts
anderes übrig geblieben, als den Aufhebungsvertrag mit Kanal 2
zu unterschreiben. Und nachdem er aus Trotz endgültig gekündigt hatte, war er für München beruflich verbrannt und der Job bei der Berliner Rundschau das einzige Angebot weit und breit. Bei Kanal 2 nahmen sie die Art seines Abganges zum Anlass, verstärkt auf den Einsatz von Interviewer-Bots zu setzen. Denen wäre dieser „Fauxpas“ sicher nicht unterlaufen.
Konrad Fall arrangierte sich. Überwintern in Berlin hatte er gewollt. Um dann, wenn Gras über die Sache gewachsen war, größer als jemals zuvor in den TV-Sportjournalismus zurückzukehren. Noch wollte das Publikum echte Menschen und echte Leidenschaft im Sport-Fernsehen, davon war er überzeugt.
Konrad Fall, der Wintersportexperte aus München, arbeitete sich bei der Berliner Rundschau ohne Murren in die Sportressorts Leichtathletik, Schwimmen und Breitensport ein. Es würde nicht für lange Zeit sein. Den Fachbereich Breitensport übernehmen zu müssen, empfand er damals 2019 als größtmögliche Degradierung. Dass es mit seiner Karriere noch weiter nach unten gehen könnte, hielt er für unmöglich. Im sterbenden Zeitungsgeschäft für eine kurze Zeit Kraft zu schöpfen, schien Konrad Fall keine schlechte Strategie. Das war nicht ehrenrührig. Denn bei der Berliner Rundschau trafen sich die ausrangierten Journalisten der „alten Garde“. Viele frühere Edelfedern waren darunter, die sich, wie Konrad Fall, von Minerva-N3ws® zwar gedemütigt und bevormundet fühlten, aber heimlich von „Ihr“ ihre Kolumnen schreiben ließen. Ansonsten wurde viel schwadroniert. Und getrunken.
Die meisten Kollegen hatten sich damit abgefunden, dem Sonnenuntergang ihres Berufslebens entgegenzudämmern. Aber sie hatten Kontakte. Und das war es, worauf es Konrad Fall ankam. Er konnte sich damit arrangieren, sein Gesicht nicht mehr in jede Kamera zu halten. Aber er vermisste die Aufmerksamkeit, das Erkanntwerden auf der Straße und auch das Verschicken von altmodischen Autogrammkarten. Ja, Konrad Fall war einer der letzten Sportmoderatoren des Landes gewesen, die noch eigene
Autogrammkarten besessen hatten. Schneider, Lässing, Bachmann und er, Konrad Fall. Aber all das war seit fünf Jahren vorbei, niemand erkannte ihn mehr in der Öffentlichkeit und keiner wollte mehr ein Autogramm von ihm. Er hatte nach „der Sache“ mit einem Schlag Ruhe vor aufdringlichen Menschen an den Supermarktkassen. Weder Getuschel im Theaterfoyer noch peinliches Geraune in der Umkleidekabine der Schwimmhalle störten
mehr den Feierabend des ehemaligen TV-Stars Konrad Fall. Wie es das Publikum schaffte, einen Spitzenklassenjournalisten wie ihn innerhalb weniger Wochen total zu vergessen, war ihm bis heute ein Rätsel. Aber er entnahm dieser Tatsache, dass sie ihn ebenso schnell wieder in ihre Herzen schließen würden, wenn er nach einer Schonfrist erneut auf den Bildschirmen der Bundesrepublik auftauchte.


„Keine Fußballberichterstattung!“ Das war seine wichtigste Bedingung für eine Beschäftigung bei der Berliner Rundschau gewesen.

Damals konnte er noch Bedingungen stellen, denn er war noch nicht das Alkohol-Wrack, als das er später durch das Großraumbüro schwankte. Noch galt er etwas in journalistischen Kreisen. Noch war er nicht zum Systemassistenten niedergesunken.
Den Fußball überließ er zur Berichterstattung gerne irgendwelchen Algorithmen, dafür waren die gut genug, denen tat Stumpfsinn nicht weh. Konrad Fall schon. Das ganze System Fußball zeichnete sich, nach Meinung Konrad Falls, durch die komplette Hirnlosigkeit aller Akteure aus, sowohl derer auf den Rängen als auch derer auf dem Rasen, vom Intellekt der Journalistenkollegen ganz zu schweigen. Das Skispringen, das war Konrad Falls Sportart.
Er bestand darauf, dass die Wintersportberichterstattung in jeder Hinsicht professioneller, nüchterner und bodenständiger war als jede andere Sportberichterstattung. Außerdem war Konrad Fall ein Sportästhet. Skispringen war kunstvoll und zugleich gefährlich. Das war richtiger Sport: männlich, dramatisch, athletisch und äußerst fotogen. Und die Aktiven waren einigermaßen intelligent. Keine Leuchten, aber bei Verstand. Ganz anders der Fußball, der war zwar auch männlich, aber auf eine dümmliche, brutale Art. Da gab es Applaus dafür, wenn einem der Spieler der Ball nicht meterweit vom Fuß sprang oder eine Flanke tatsächlich den Kopf des Mitspielers erreichte – Oh, was für ein Wunder! Das war für Konrad Fall so, als ob er einen Skispringer dazu beglückwünschen müsse, auf der Flugschanze in Planica nicht nach einhundert Metern kopfüber auf den Aufsprunghang gestürzt zu sein. Eine Beleidigung echten Könnens.
Aber Konrad Fall kam seine unkontrollierte Trinkerei in die Quere. Die hatte nichts mit seiner ehemaligen Prominenz zu tun, sie lag auch nicht an seiner Entlassung oder an der Stadt Berlin. Getrunken hatte er schon immer und dass es in Berlin aus dem Ruder gelaufen war, das kam einfach so. Es begann mit dem ersten Glas am Morgen und endete schließlich mehrfach im Krankenhaus. Einmal sogar in der psychiatrischen Klinik der Charité,
weil sich die Sanitäter und der Anamneseroboter nicht mehr anders mit dem delirierenden Konrad Fall zu helfen wussten, als ihn zwangseinzuliefern. Aus der Klinik entließ ihn der diensthabende Arzt mit der Warnung, dass er dabei sei, sich „totzusaufen“. Er empfahl ihm die Anonymen Alkoholiker. „Bla, bla, bla“, dachte Konrad Fall und bestellte sich gegenüber des Krankenhauses im „Zapfhahn“ ein Bier. Eine Woche später ging er hin. Widerwillig zuerst und dann einfach, um die wirklich fertigen Säufer zu sehen, diejenigen, zu denen er keinesfalls gehören wollte. Diejenigen, die auf den Parkbänken saßen, in die Ecken pinkelten oder mit dem Gesicht in ihrer eigenen Kotze lagen. Er ging hin, um zu sehen, was am Ende kam. Davon erhoffte sich Konrad Fall eine heilende Wirkung, denn das Ende war kein schöner Anblick. Das Ende war aufgedunsen und hässlich – diese Erkenntnis hatte ihn auf die trockene Spur gesetzt. Das war nun drei Monate her. Und jetzt, eine Woche vor dem „Weltuntergang“, ging es Konrad Fall so lala.

Daniel Marschall, Tonatiuh oder Apokalypse in Paewalk, Perpiplaneta Verlag, Berlin, 2019.

ISBN print: 978-3-95996-142-4

ISBN epub: 978-3-95996-143-1

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