Karl Marx Biografie von Richard Friedenthal

Ich habe mir vor ein paar Wochen die Karl Marx Biografie von Richard Friedenthal im Bunburry-Antiquariat auf der Weserstraße in Neukölln gekauft, ohne dass ich den Autor kannte. Aber Preis und Gewicht des Buches verhießen ein unschlagbares Preis-Leistungsverhältnis. Und da ich pleite war und immer noch um „Das Kapital“ in meinem Bücherregal herumschleiche und immer denke, ich müsste bevor ich mich dem Hauptwerk Marxens nähere noch etwas Sekundärliteratur bemühen, entschied ich mich für dieses Mal mit der Biografie Marxens weiterzumachen. In diesem Zusammenhang sehr empfehlenswert: Greffrath, Mathias (Hrsg.), RE: Das Kapital: Politische Ökonomie im 21. Jahrhundert.

Und jetzt, nachdem ich die Hälfte des Buches gelesen habe, bin ich positiv überrascht und dankbar das Friedenthal den Marx auf eine menschliche und vermutlich realistische Größe schrumpft und dass nicht an jeder Ecke der der bärtige Begründer des Weltkommunismus lauert. Im ersten Teil eine äußerst ausgewogene Darstellung der biografischen Details (Verhältnis zum Vater, später Mutter, Studentenjahre, Jenny v. Westfalen, Junges Deutschland, Reihnische Zeitung, Ruge, Bruno Bauer, Heine, die zeitlebens drückende Geldnot) und der sehr ernsthaft und mit großer Kenntnis (Friedenthal hat selbst Philosophie studiert) dargestellten philosophischen und theoretischen Grundlagen seines: Hegel, Feuerbach, die britischen Nationalökonomen, französische Frühsozialisten, Chartisten, Robert Owen usw. Also der Verbindung deutscher Philosophie mit französischem Frühsozialismus und der englischen Nationalökonomie (Riccardo, Smith) im Denken Marxens nachspürt. Ursprünglich scheint Friedenthal ein Werk über deutschsprachige Emigranten im London des 19.Jahrhunderts geplant zu haben. Aus den Arbeiten zu diesem Werk wurde nach dem Tod Friedenthals die Marx-Biografie zusammengestellt. Dennoch ein vorzüglich lesbare Lebensdarstellung.

Dem Urteil Golo Mann in einer Rezension aus DER ZEIT vom 4.12.1981 ist nichts hinzuzufügen:

„Wir haben mindere Werke über den „Marxismus“ übergenug. Aber ein Band im Stil Friedenthals, so gründlich und doch auch für den Laien so lesbar, herzhaft unterhaltend sogar, so behaglich ausschweifend und gesättigt mit der Kunst der Erzählung, den haben wir über den Gegenstand nicht.“

 

Grab von Richard Friedenthal auf dem Friedhof Nikolassee in Berlin-Nikolassee. Foto: Axel Mauruszat

Jedenfalls bin ich neugierig auf den Autor geworden: Richard Friedenthal (1896-1979). Immerhin Ehrenpräsident des deutschen PEN-Zentrums und mit ellenlanger Publikationsliste, aus der besonders einige große Biografien über Luther, Goethe, Jan Hus und Diderot herausstechen. Außerdem war Friedenthal Herausgeber der Werke Stefan Zweigs (den ich sehr mag) und dessen Nachlassverwalter. Als ich bei Wikipedia las, das Friedenthal in Berlin-Nikolassee geboren wurde und dort auch begraben liegt, habe ich gestern meinen sechsjährigen Sohn geschnappt und einen schönen Ausflug zum Kirchhof Nikolassee gemacht (vom S-Bahnhof, durch die Normannenstraße, an der Rehwiese vorbei, den Rehsprung entlang, den kleinen Hügel zur Evangelischen Kirche Nikolassee hinauf). Das Grab ist Ehrengrab der Stadt Berlin und Friedhof-Kirchenensemble steht unter Denkmalschutz. Ein lohnender Ausflug auch um mal durchzuatmen und den Spekulationen eines sechsjährigen über den Tod zu lauschen.