Suhl Nord – revisited

Ich habe von 1979 bis 1993, oder so, in einer Platte im Wohngebiet Suhl-Nord gelebt. War nicht schlimm – war gut. Das Bild mit der Gitarre ist um 2005 herum entstanden, da hatte die Stadt schon angefangen das ehemals größte Suhler Wohngebiet (ich schätze mal 10 – 15 Tausend Menschen) „zurückzubauen“. In der Ringbergstrasse 111 ganz oben rechts war unsere Wohnung. Jetzt stehen dort Bäume. Die Fichten haben meine Eltern bei einem Subbotnik in den 80ern selbst gesetzt. Da waren sie klein. Jetzt sind sie groß. Die wachsen und gedeihen, das Haus (wie die meisten Häuser) hingegen ist weg. Bis 2025 wird das gesamte Areal abgerissen sein. Schon jetzt gleicht das was noch übrig ist einer Zombiestadt. Die einzigen Menschen, die ich getroffen habe, waren zwei Typen in Elektro-Rollstuhl, ansonsten wirkte Suhl-Nord wie nach dem Einschlag einer Neutronenbombe. Blühende Landschaften, aber verstrahlt. Überhaupt Suhl. Die Stadt ist im Grundegenommen eine Berühmtheit. Ein Ort der Superlative: bundesweit das höchste Durchschnittsalter der Bevölkerung, den stärksten Geburtenknick und die höchste Abwanderungsrate. Diese Stadt liegt auf der Intensivstation der Geschichte – Überlebenschance gering.

Suhl hatte am Ende der DDR fast 60.000 Einwohner, heute sind es, trotz vieler Eingemeindungen, kaum mehr 35.000. Wenn man die Eingemeindungen wegrechnen würde, käme man vermutlich auf 20.000 Menschen. Ich kann mich an überfüllte Busse und drängende Menschen erinnern. Menschen die bei VEB Fahrzeug und Jagdwaffenwerk (u.a. Simson-Moped und Teile für Kalaschnikow) oder im VEB Elektrogeräte gearbeitet haben. Die waren Handschuhnäher und Spritzguss-Facharbeiter. Heute wirkt das Stadtzentrum wie eine Filmkulisse nach Drehschluss. Die Produktion und Reproduktion sind tot und im Suhler Tierpark trifft man an einem Samstag fünf Kleinfamilien.

Die einzige nennenswerte industrielle Produktion, die sich in Suhl gehalten hat, ist die Waffenproduktion. Das Waffenhandwerk ist in Suhl und Umgebung eine alte Tradition. Auch in der Kombination aus Fahrrad/Zweirad und Waffenproduktion. Offenbar benutzten beide Produkte ähnliche Maschinen und bedurften ähnlicher handwerklicher Fähigkeiten. Heute gehören die beiden größten Suhler Waffenhersteller Haenel und und Merkel Jagd- und Sportwaffen zu Caracal International, einem Unternehmen, dass einem Staatskonzern aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gehört. Gerade beteiligt sich Haenel am Bieterverfahren der Bundeswehr für die Nachfolge des Sturmgewehrs G36.

Eine sehenswerte Kurz-Doku über Suhl Nord zeigte das ZDF im März 2019: Hier in der Mediathek