Warum der Osten – Warum die Rechten?

Warum der Osten – Warum die Rechten? Keine leichten Fragen – keine leichten Antworten. Aber jemand, der meiner Meinung nach nah dran ist, sie zu beantworten, ist Steffen Mau mit seinem Buch „Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft„. Der Berliner Soziologe, der in der Neubausiedlung Lütten Klein aufgewachsen ist, liefert eine fundierte und durch persönliche Involviertheit vertrauenswürdige Sicht auf die Verhältnisse in der DDR, den gesellschaftlichen Brüchen (oder Frakturen wie Mau die ökonomischen und kulturellen Auslöschungen nennt) der Transformation und warum das eben sehr viel mit den heutigen Zuständen in Ostdeutschland zu tun hat. Ich habe zum Beispiel bisher keine ehrlichere und ausgewogenere Darstellung der Progrome von 1992 in Rostock-Lichtenhagen gelesen als in diesem Buch.

Also, warum der Osten? Warum die Rechten? Der Aussage „Der Nationalsozialismus hatte auch seine guten Seiten“ stimmten 1988 befragte Schüler und Lehrlinge aus der DDR mit 12% zu. 1992 waren es 24%. Dazwischen hatte die deutsche Fußballnationalmannschaft die Weltmeisterschaft gewonnen, waren hunderttausende in den Westen abgewandert und die DDR-Wirtschaft im DM-Taumel untergegangen.

Nation und Nationalismus in der DDR

Man muss nicht drumherumreden, eine „nationale“ und „nationalistische“ Stimmung gab es in der DDR von Anfang an. Sie war nie weg. Auch in der DDR hatten sich die Nazis und Antidemokraten 1945 nicht einfach aufgelöst oder waren alle in den Westen gegangen (viele schon). Und trotz der offiziellen Verlautbarungen von „Völkerverständigung“ und „Internationalen Solidarität“ war die DDR-Führung sehr damit beschäftigt eine nationale Identifikation mit der DDR in den Menschen zu verankern. Nationalismus galt als die Identifikation mit der guten, weil anti-faschistischen Sache der DDR. Im Westen wiederum ganz anders, da herrschten zwar die alten Nazis weiter, aber der Nationalismus der Bevölkerung wurde als Legitimation nicht benötigt und wäre dem größten außenpolitischen Ziel der Rückkehr der BRD in die Staatengemeinschaft auch abträglich gewesen. Der Wiederaufstieg sollte innerhalb europäischer Institutionen vonstatten gehen.

Anders eben im Osten. Die kleine als direkte Folge des II Weltkriegs entstandene DDR mit 16 Millionen peoples, ohne staatlichen Vorgänger brauchte die nationale Legitimierung für ihr Überleben in einem ganz anderen Maße als die BRD und förderte sie nach Kräften. Auch im Moment der Wende wurde die nationale Karte gespielt: die „Vereinigung“ der Deutschen und „Wir sind ein Volk“ . Das hatte ja schon national-mythischen Charakter. Also, Merke: das „Nationale“ ist in Ostdeutschland bis heute nicht negativ besetzt, weil es sich auf den „besseren Teil Deutschlands“ bezog.

Gesellschaftliche Frakturen

Mau beschreibt in „Lütten Klein“ die in Ostdeutschland offenbaren gesellschaftlichen Spannungen als Ausdruck gesellschaftlicher Frakturen, die in der DDR-Gesellschaft schon angelegt waren und durch den krisenbehafteten Ablauf der Transformation vertieft wurden.

Die frakturierte Gesellschaft der DDR zeichnet sich dadurch aus, dass die einfachen, arbeiterlichen Schichten der DDR durch die Transformation mit einer Entwertung ihrers Lebensmodells konfrontiert waren/sind. Das führte zum fast vollständigen Zerfall des arbeitsgesellschaftlichen Zusammenhangs. Das, verbunden mit der Abwesenheit bürgrlicher Mileus, der unterentwickelten Zivilgesellschaftlichen und demokratischen Kultur, die Abschottung der DDR und deren innere Homogenität (sowohl gesellschaftlich als auch ethnisch), der Weggang vieler Millionen Menschen (besonders der Aufstiegs- und Veränderungswilligen), die demografische Maskulinisierung der mittleren Altersgruppen, der Abstieg breiter Gesellschaftsschichten im Zuge der Transformation, die verstopfte Mobilität nach oben und die Übernahme der führenden Positionen durch West-Eliten müsse man heute betrachten wenn man über die Spezifika der ostdeutschen Gesellschaft verstehen möchte. Die alleinige Ansicht von ökonomischen Kennzahlen (BIP, Arbeitslosigkeit, Invesitionen u.a.) hilft beim Versändnis gesellschaftlicher Fragen in Ostdeutschland nicht weiter.

Viele Ostdeutsche sind längst etabliert und schätzen den Zugewinn an Lebenschancen usw. Aber es gibt auch die strukturellen Spannungen, die aus den der DDR Sozialisierung und der (Schock)Transformation herrühren. Auf vieles blicken Ostdeutsche anders als Unternehmer aus Baden-Würtemberg, Angestellte aus Hamburg, Arbeiter von VW in Wolfsburg, Angehörige der großstädtische Studentenszene, migrantische Milieus oder neue kulturelle Mittelklassen.

Die Rechten und der Osten

In großen Teilen der Ostdeutschen Gesellschaft ist das Festhalten, Bewahren, und Verteidigen ein Grundmotiv des Denken und Handelns. Steffen Mau schreibt, dass der Gemeinschafts- und Sicherheitsverlust teilweise mit der Hinwendung zu ethnisch bestimmten Kategorien der Zugehörigkeit und mit rigiden Ordnungsvorstellungen kompensiert wird. In einer „Gesellschaft der kleinen Leute“ liegt, seiner Meinung nach, eine ethnische Schließung und die Verteidigung von „Etabliertenrechten“ nahe. Dabei handelte es sich oft nicht um eine Ablehnung der Migranten als solche (Rassismus), sondern eher auf um eine Verteidigungshaltung, die die eigenen materiellen Besitzstände und Lebensweise schützen soll. Daraus erklärt sich der Zulauf der rechten Parteien: unter Zugriff auf den national-Indenditären Anker wird eine kollektives Wir aufgewertet.

Und dann findet Steffen MAu, meiner Meinung nach, den treffenden Grund warum rechte Parteien im Osten im Osten ein Heimspiel haben: Die Angebote der Rechten entlasten die Enschen von den Zumutungen der Transformation, der Globalisierung und der moralischen Beliebigkeit. Die rechten sagen: „Die Welt muss sich verändert werden, um sich an dich anzupassen.“ Die Marktliberalen, die aufgeklärten Kosmopoliten und Idenditätslinken sagen: „Du musst dich ändern, um dich an eine wandelnde Welt anzupassen.“ Die Populisten machen ein Entlastungs- und Anerkennungversprechen. Die Liberalen ect. treten den Menschen (auch im Westen) mit Veränderungs- und Anpassungsforderungen entgegen. Sie sollen sich für den Markt optimieren, traditionelle Werte abstreifen und sich auf eine divers werdende Kultur einlassen. In einer Teilgesellschaft wie der Ostdeutschen treffen solchen Forderung auf Erschöpfung, auf eine Haltung „Nicht schon wieder“.

Darum der Osten und darum die Rechten.

Interessant ist auch der im Buch vorgenommene Vergleich der ostdeutschen „Befindlichkeit“ und dessen Ausdruck im Wahlverhalten mit anderen osteuropäischen Transformationsgesellschaften, die frappierende Ähnlichkeiten aufweisen (z.B. Polen ud Ungarn).

Steffen Mau „Lütten Klein – Lütten Klein – Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft “ – absolut zu empfehlen!

Wer zur Buchpremiere möchte, kann das am
Montag, 16.09.2019, 20:00 Uhr, Urania, Kleist-Saal, An der Urania 17
10787 Berlin
, Steffen Mau und Herfried Münkler im Gespräch über Lütten Klein. Leben in der ostdeutschen Transformationsgesellschaft, Moderation: Anna Sauerbrey (Der Tagesspiegel)