Bewegte Zeiten – Stierblut, Thor und Migration

Ich habe mir letztes Wochenende die Ausstellung „Bewegte Zeiten – Archäologie in Deutschland“ angesehen. Natürlich vor allem wegen der Himmelsscheibe und der Berliner Goldhüte – da bin ich einfach gestrickt. Alles was blinkt und in den Himmel weist, kommt bei mir gut an. Jedenfalls bin ich dann mit freudiger Erwartung in den abgedunkelten Raum am Ende der Schau getreten, hab ein älteres Ehepaar vor der Vitrine abgedrängt und wollte mich gerade geistig mit meinen Ahnen verbinden, als der Opa von hinten trötete, „Is nur eine Kopie, Schatz.“ Schatz? Aber tatsächlich, zwar mit Gold und Bronze, Patina, Beulen und Rissen, aber nur eine vermutlich nicht mal 1 Jahr alte Kopie. Eine Kopie dramatisch angeleuchtet wie der Heilige Gral himself. Ich war 4 Tage zu spät gekommen. Das Original war zurück auf den Weg nach Halle.

Die bewegte Himmelsscheibe

Von Dbachmann, CC BY-SA 3.0

Das bisschen spirituelle Stimmung, welches mein an spirituellen Stimmungen generell armes Gefühllebens aufgebracht hatte, sackte in sich zusammen. Und war auch durch den „Herrn von Boilstädt“, eines entfernten thüringischen Verwandten, nur in unzureichendem Maße wieder herstellbar. Ich fühlte eher mit dem geköpften Pferd, das man im Grab nebenan gefunden hatte. Es ist eine Tatsache, dass mich die Information, statt des Originals gerade eine Kopie dieses wahrscheinlichen Kultgegenstands anzusehen, völlig aus dem Konzept brachte. Ich fühlte mich auch leicht verarscht. Es machte eben einen Unterschied sich vorstellen zu können oder eben nicht vorstellen zu können, wie stinkende, abergläubische anhaltinische Bauern diese Schüssel, genau diese Schüssel, vor 4000 Jahren über den Kopf hielten und angestrengt nach den Plejarden am Nachthimmel suchten, damit sie die mickrige Gerste auf den Feldern ernten konnten. Die 4000 Jahre sind entscheiden für einen bisschen spirituellen Grusel. Jetzt konnte ich mir den Restaurator oder Kunstschmied bei seinem Tun vorstellen, wahrscheinlich mit Kittel, Mikroskopbrille vor den Augen und Radio Brandenburg dudelnd in Hintergrund. Aber sei es drum.

Herr von Boilstädt

„Herr von Boilstädt“ abgekämpft auf dem Ruhelager. Von Ulrich55 – Eigenes Werk, CC BY-SA 4.0,

Die Geschichte der Himmelsscheibe ist ja auch deswegen interessant, weil Archäologen sie nicht bei offiziellen Grabungen am Mittelberg in Sachsen Anhalt gefunden haben, sondern die Polzei in einem Basler Hotelzimmer als sie dem Landesmuseum in Halle für 380 000 Euro von ein paar Gentlemen angeboten wurde. Überhaupt gab es noch einen recht bizarren Streit um Echtheit und Alter der Scheibe, die Peter Schauer, Prof. für Vor- und Frühgeschichte an der Universität Regensburg per Leserbrief in der FAZ angezettelt hatte. Nur das war kein Thema in  Ausstellung. Jedenfalls: Nachher im Museumsshop konnte man das Ding für 800 Euro dann kaufen.

Stierblut

Hab ich nicht.  Ich habe Bücher gekauft und bin auch schon eifrig am Lesen. Begonnen habe ich mit Jutta Voigt, Stierblutjahre, Die Boheme des Ostens. Ich bin jetzt halb durch und denke die ganze Zeit: was für  verschwendeten Möglichkeiten und Potentiale dieses Land doch hatte. Hätte man die mal machenlassen, dann wär es nicht so traurig den Bach runtergegangen . Das 11.Plenum es Zentralkomitees der SED 1965 beendet erstmal alle hochfliegenden Träume der DDR-Sozialimus könnte mehr sein als eine kleinbürgerliche und kleingeistige Funktionärsbürokratie.  Aber um einem Missverständnis vorzubeugen, in der DDR ließ es sich vorzüglich bohemisieren, nur eben nicht offiziell. Die Nischenexistenz, dass war die Lebenswelt für Boheme, Blueser, Punker und dem ganzen Gesocks. Miete, Fressen, Saufen billig, Arbeit, wenn es unbedingt sein musste, immer verfügbar, Kunst macht man selbst. Nur etwas werden, sollte man nicht werden wollen. Das ist auch schön bei Flake (Tastenficker) nachlesbar, dem Keyborder von Rammstein.

Interessant der von Jutta Voigt herausgestellte großbürgerliche Zug der Ost-Boheme: die Salons und privaten Räume für Literatur, Musik und Kunst, die großen Altbauwohnungen mit Bibliothek und Biedermeier-Möbel. Das Wesen der Ost-Boheme war eben nicht, wie sonst in der Welt, anti-bürgerlich, ganz im Gegenteil. Juta Voigt gibt viele Insidergeschichten zum Besten, arbeitet das Thema aber auch soziologisch und historisch auf. Lesenswert.

 

 

 

 

Zweiter Sieger beim Feuerpudel im Literaturhaus Lettrétage

Der Ausgezeichnete

Im mit ca. 100 Personen sehr gut gefüllten Kreuzberger Literaturhaus Lettrétage habe ich am Mittwochabend den zweiten Preis abgesahnt. Und das alles während ich still da saß und 4 Augustiner in mich hineinlaufen ließ. Als ich mich dann überraschender Weise auf die Bühne begeben sollte, war ich natürlich zu betüttelt, um meinen Roman noch anständig bewerben zu können. Also, hab ich dann auch nichts verkauft. Ich beließ es bei der treffenden Aussage: „Ich bin besoffen. Danke für den Preis.“ Später sind wir ins Clash und ich habe die Bestechungsschnäpse ausgezahlt. Aber nocheinmal von dieser Stelle: Dank an Alle, die den Riss an der richtigen Stelle des Wahlzettels gemacht haben. Und natürlich an Diether Kabow, der den Text herrlich gelesen und an Paetrick Schmidt der ihn genial bebildert hat:

Der Saalvollste

Das Bild enstand parallel zum Text. Wie in dem untenstehenden Video zu sehen ist:

Wer in Wort und Bild ausführlich zum Abend, den Lesenden, den Vorgelesenen und den sonstig Anwesenden informiert werden möchte, dann bitte hier entlang zu Gleiswildnis-Blog.

Neiddebatte, yeah I_Der Reichste, der zehn allerreichsten unter den tausend reichsten Deutschen

Aus gegebenem Anlass und in loser Reihenfolge, mal die Zahlen zum schlechten Gefühl, in der Hoffnung, irgendwann nicht mehr so neidisch seien zu müssen. Heute: Der Reichste, der zehn Allerreichsten unter den tausend Reichsten

Das Springerblatt „Bilanz“, welches vermutlich ein total gutes und ideologiefreies Wirtschaftsmagazin ist, hat das gemacht, was es vermutlich am besten kann, nämlich ausgerechent, was ihre Kundschaft im letzten Jahr so beiseite geschafft hat. Und, wer hätte das gedacht, es war nochmehr als im Jahr zuvor (ca.13%). Solche Zahlen würde ich der „Jungen Welt“ ja nicht glauben, aber dem Spriniger-Blatt „Bilanz“ kann man, denke ich, vertrauen: Also, die 1000  reichsten Deutschen haben auf der hohen Kante (Firmenbeteiligungen, Aktienkapital, Immobilienbesitz, Stiftungsvermögen, der Wert von Kunstsammlungen sowie Kapitalanlagen und der ganze Kleinscheiß) summasumarum: 1,17 BILLIONEN EURO. Ich will das gar nicht dramatisieren und die Nullen ausschreiben. Man ahnt: Es ist viel. Für so ein Bruttosozialprodukt müssen sich viele Menschen in vielen Länder dieser Welt mächtig strecken. Der jährliche Bundeshaushalt in Deutschland beträgt 335 Milliarden Euro, dafür gehen jedes Jahr ein paar Millionen Menschen in Deutschland arbeiten. Genau: 43,9 Millionen Menschen.

Ja, da könnte, da müsste man neidisch werden.

Hier die Top Ten der Sozialneidbezieher (die Angaben sind in Milliarden Euro):

1. Dieter Schwarz 39,5

u.a Lidl, Kaufland

2. Familie Karl Albrecht jr. und Heister 25,5

u.a. Aldi Süd

3. Georg Schaeffler 20,5

u.a. Schaeffler, Continental

4. Familie Reimann 30,0

u. a. Reckitt Benckiser,  Coty,  Wella, Keurig,  Jacobs Douwe Egberts

5. Susanne Klatten 19,0

u.a. Skion,  BMW,  SGL Carbon, Altana

6. Stefan Quandt 18,5

u.a. BMW

7. Familie Wolfgang Porsche 18,45

u.a. Porsche, Volkswagen

8. Familie Theo Albrecht jr. 18,30

u.a. Aldi Nord

9. Hasso Plattner 11,60

u.a. SAP

10. Familie Braun 11,0

u.a. B. Braun

Also, Herzlichen Glückwunsch, gewonnen hat Dieter Schwarz (79) aus Heilbronn mit seiner Schwarz-Gruppe, dazu gehören u.a. Lidl und Kaufland. Und wie hat er gwonnen? Mit überlegenem Verstand, mit einem 25 stündigem Arbeitstag, mit Sparsamkeit?

Ja, Sparsamkeit muss es gewesen sein:

Lidl spart sich den Betriebsrat (Focus)

Lidl spart sich ein moderenes Frauenbild (Shz)

Lidl spart sich das Vertrauen in Mitarbeiter (Spiegel)

Lidl spart sich faire Löhne (Spiegel)

Lidl spart sich Schutz von Schwangeren (20 Minuten)

Lidl spart sich gute Arbeitsbedingungen in den Zulieferbetrieben (Stuttgarter Zeitung)

Die Dieter Schwarz-Stiftung

Interessant auch die die Dieter-Schwarz-Stiftung, denn um ganz sicher zu gehen, dass die Verwertung des Kapitals im Sinne des Dieter Schwarz und seinesgleichen weiterläuft , finanziert die Stiftung Lehrstühle und Professuren an deutschen Universitäten.

Denn: Von Lidl lernen, heißt ausbeuten lernen.

  • Dieter Schwarz Stiftungslehrstuhl für allgemeine Betriebswirtschaftslehre, E-Business und E-Government – Universität Mannheim
  • Stiftungsgastprofessur Dieter-Schwarz-Foundation Visiting Professor of International Retail Management – Universität Mannheim
  • Stiftungsprofessur für Distributionslogistik und Warenwirtschaft – Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach
  • Stiftungsprofessur für Handel und Führung – Duale Hochschule Baden-Württemberg Mosbach
  • Stiftungslehrstuhl für Konstruktionslehre – Hochschule Heilbronn
  • Stiftungsprofessur für das Französische Lied – Hochschule für Musik Karlsruhe
  • Stiftungsprofessur für Internationaler Handel und E-Commerce – Hochschule Reutlingen
  • Lehrstuhl für Wirtschaftsinformatik des E-Business – Handelshochschule Leipzig
  • Lehrstuhl für Wirtschaftsethik – Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
  • Bildungscampus Heilbronn:
    • Akademie für Innovative Bildung und Management Heilbronn-Franken gemeinnützige GmbH (AIM)
    • Hochschule Heilbronn Campus am Europaplatz
    • German Graduate School of Management and Law, Heilbronn (100%ige Gesellschafterin)
    • Duale Hochschule Baden-Württemberg Campus Heilbronn
  • Experimenta Heilbronn[11]

 

„Der Denunziant“ zu Gast bei Konzept: Feuerpudel

Konzept: Feuerpudel ist eine Berliner Lesebühne der besonderen Art. Hier liest der Pudel (Diether Kabow) und der Autor hört zu. Und wenn der Pudel fertig gelesen hat,  wählt das Publikum seinen Lieblingstext.  Und der oder die Ausgezeichnete bekommt eine während der Veranstaltung gezeichnete Illustration zum Geschenk und kann sich freuen.

Ich habe den Feuerpudel und so manchen holprigen Text in seiner güldenen Anfangszeit im Gelegenheiten in der Weserstrasse als Zuhörer und Biertrinker kennengelernt, dann aber aus den Augen verloren, als sie in andere Lokalitäten gewechselt sind. Aber jetzt bin ich selbst beim Pudel:

am 5.September 2018,  ab 19:30, Lettrétage, Mehringdamm 61, Kreuzberg

Und um hier meinen ersten großen Literaturpreis abzusahnen, bin ich natürlich auf Eure Unterstützung angewiesen. Also, macht mit bei der 1Stimme-1Schnaps-moderne-Wahlbestechung-Kampagne-2018! Jeder Schnaps zählt!

Plattenteller und Lesesessel II_ Black Sabbath, Stooges, Nirvana, Patti Smith u.a.

Das sind einige der Dinge, die mir im Moment die Zeit verkürzen. Und Berliner Weisse Waldmeister aufm Balkon, natürlich. In einem früheren Post zu „Jerry Lee Lewis Live im Starclub“ hatte ich schon bemerkt, dass ich gerne Liveplatten höre und -yeah, Schallplatte – ansehe. Hier nun ein paar Neuerwerbungen:

The StoogesHave some Fun, Live at Ungano’s ist eine neuere Erscheinung von 2010, die Band spielte drei Abende im August 1970 in New York, als Release-Konzerte für das Studioalbum „Fun House„. Eine für die  besten Jahre des Rock typische Anekdote geht so,  dass die Stooges kurz vor den Ungano Auftritten ihren Bassisten, wegen chronischer alkohol- und drogeninduzierten Unterperformance aus der Band warfen und der Roadie Zeke Zettner den Bass übernahm. Nur hatte Zeke ein ausuferndes Heroin-Problem, so dass er schon Ende 1970 von Jimmy Recca ersetzt wurde. Zeke starb 1973 an einer Überdosis. Überhaupt gab es bei den Stooges ein reges kommen und gehen, aber bei einer Band, die den Punk erfunden hat, muss das so sein – das ist ein viel zu große Aufgabe für einen allein. Die Aufnahme hat maximal Bootleg Qualität und ist eher was für Liebhaber der historischen Aufnahme. Schlimmer klingt nur eine bulgarische Pressung von Dimitroffs Verteidigungsrede im Reichstagsbrandprozess. Selbst für 1970 echt beschissen aufgenommen, man muss dazu natürlich sagen, dass die Stooges 1970 eine gelinde gesagt unbekannte Band waren. Ganz anders  die folgenden Jungs:

The Who, Live at Leeds ist ein Klassiker! Im Februar 1970 an der Universität Leeds aufgenommen, gehört es sicher zu den besten Live Alben im Rock Genre. Mich erinnert es an hippieske und damit meine ich echt hippieske! Abende in unserern Jenaer Studentbuden Mitte der Neunziger. Ich glaube die modernste Platte, die da rumlag war Experimental Jetset von Sonic Youth. Ansonsten nur crazy shit aus den 60ger und 70er Jahren: Arthur Brown, Pink Floyds Ummagumma,  The Can, Eric Burdon and War, Iron Butterfly undso.

Und damit sind wir bei Sonic Youth, Daydreamer Nation, 5te Platte der Band, 1988 veröffentlicht, wollt ich schon immer haben. Einfach eine geile Band, immernoch. Spielen in einer eigenen Liga von künstlerischem Anspruch, Musikalität, Einstellung und Zerstörungswillen. Das das Cover vom deutschen Maler Gerhard Richter, einem der teuersten Gegenwartsmaler, gestaltet wurde, macht das Album sicher zu einem herausragenden Ereignis – akkustisch und haptisch.

Public Enemy, Fear of a black planet. Bin ja kein großer Hip Hop Hörer, aber vor ein paar Jahren hat mir mal ein befreundeter Rapper seine „Muss man Kennen“ Alben mal auf USB-Stick gemacht, voll legal – und eben da war auch das Public Enemy Album drauf. Das habe ich dann über  Monate im Ohr durch Neukölln getragen. Auch für Rocker keine Zeitverschwendung, weil radikal und ein psychedelisches Sampling-Inferno.

Patti Smith Group, Easter. Das kommerziell erfolgreichste Album Patti Smtih‘ wurde 1978 veröffentlicht. Das Lied Because the night, das sie zusammen mit Bruce Springsteen schrieb, wurde geradezu ein Hit. Der einzige in ihrer Karriere, soweit ich sehe. Die Songs des Albums rangieren zwischen rotzig-punkig bis popig-katebushig. I like!

ACDC, If you want blood. Ist ein Livealbum von ihrer 1978er Welttournee (größtenteils in Glasgow aufgenommen) und das einzige Livealbum mit Bon Scott. Dem Bon Scott. Dem „Are there any virgins in Glasgow?“ Bon Scott.

Black Sabbath, Master of reality. Das dritte Studioalbum der Band von 1971, voller Sabbath Sound. Heute noch einflußreich in der Stoner-Rock Szene und im Andromeda Nebel. Es hält sich ja hartnäckig die Behauptung, dass das dritte Album einer Band meist mit den ersten beiden nicht mithalten kann, weil entweder der Sound verbraucht ist und nichts neues kommt, oder man mit viel Labelkohle voll die überproduzierten Alben macht, die dann meist im Streichereinsatz  untergehen. Bei Black Sabbath ist das durchaus anders, ich denke, dass die mit Master of reality ihren typischen Sound zu voller Blüte gebracht haben.

Freddie Hubbard, Amiga Jazz, coolster Jazz Trompeter nach Miles Davis. Hab die Diskographie im  mp3-Format. Die Amiga Jazz Veröffentlichungen haben immer einen ganz eigenen Blick auf den Künstler und da sind dann durchaus auch Raritäten dabei. Gerne frühmorgens oder spätabends.

Nirvana, Live San Diego 1994, Bootleg, dass die Atmo gut einfängt und einen daran erinnert, dass Nivana, trotz des Erfolgs, echt Punk waren. Qualität, naja, besser als bei den Stooges, aber klingt immer noch wie durch die Wand gespielt. Aber hey, das sind NIRVANA!! Und von der Scheobe soll es nur 500 Kopien geben – wers glaubt.

Lesen tu‘ ich im  Moment auch: Isaak Babel, Budjonnys Reiterarmee. Die Kurzgeschichten erzählen eher unzusammenhängende Episoden aus dem Sowjetisch-Polnischen Krieg 1919-21, indem Babel mit Budjonnys Erster Reiterarmee unterwegs war. Eine echt knallharte Schilderung, völlig Romantik- und Propagandafrei, gibt einen Einblick in den quälenden und derben Alltag der Soldaten, jenseits des heroischen Kampfgeschreies all derer, die nicht dabei waren. Später vielleicht mal mehr dazu.

Max Frisch Tagebuch 1966-1971

Max Frsich Tagebuch 1966 – 1971

Das schöne an Secondhand Büchern, neben deren Preis, sind die Lesezeichen, die man so manches mal findet: Rechnungen, Einkaufszettel, gepresste Pflanzen, Postkarten. Seit ich bemerkt habe, wie schön ich es finde auf solche kleinen „Lebenszeichen“ anderer Menschen in den Büchern zu stoßen, hinterlasse ich selber solche. Für den Fall, dass meine Bücher mal im Secondhand-Laden auftauchen oder ich sie in zwanzig Jahren nochmals in die Hand nehme (wovor mich die ewigen physikalischen Gesetze verschonen mögen).

„Liebe Sonja, bei B.W sah ich diese Ausgabe während Du Literatur suchtest. Es ist ein Buch, das „man“ besitzen sollte. Mir hat es viel gegeben. Frohes Fest und schöne erholsame Tage wünscht Kl.Fr.“

Das lasse ich so stehen, weil es stimmt und schön ist. Die Vorderseite der Postkarte ziert ein „Sitzende Gestalt, Nigeria (Benin), Bronze, H.21cm, Afrika Museum. Meerwijk Berg en Dal

Und nun zum Tagebuch.

Max Frischs Tagebücher bieten keine klassischen Einsichten in das Leben und Denken des berühmten Schweizers, weder bieten sie Aufklärung über dessen Trink- und Sexualgewohnheiten, noch tiefere Kenntnisse zum Schaffensprozess: „Setzte mich nach durchzechter Nacht und dem Genuss eines kräftigen Frühstücks nieder, um das Manuskript des „Homo Faber“ zu verbrennen. Hatte ich schon lange vor. Dachte mir aber nach dem Mittagessen, es sei der Anstrengung nicht wert. Am Nachmittag kommt Ingeborg zum Tee. Wieder Streit!“

Nichts dergleichen, stattdessen die berühmten Fragebögen, literarische Skizzen, viele Reisebeschreibungen, sowohl Sowjetunion als auch USA, viel politisches, 68, Vietnam, der Kapitalismus.

Fragebogen Leben:

„Was fehlt Ihnen zum Glück?“ Max Frisch, Tagebuch, S.11

Über Brecht:

Was Brecht aus seiner Emigration mitbrachte war Immunität gegenüber dem “Ausland“; weder ließ er sich imponieren dadurch, dass andere Leute andere Bräuche haben, noch musste er sich deswegen behaupten als Deutscher. Sein Zorn galt einem gesellschaftlichen System, seine Achtung einem anderen; die Weltbürger-Allüre, die immer eine nationale Befangenheit kompensiert, erübrigt sich. Ein Augsburger mit Berlin als Arbeitsplatz, ein Sprachgebundener, Herkunft nicht als Wappen, aber als unvertauschbare Bedingtheit: die selbstverständliche Anerkennung der Bedingtheit; Dünkel wie Selbsthaß, national-kollektiv, erweisen sich dann als Relikte, nicht der Rede wert.“ Max Frisch, Tagebuch, S.25.

Fragebogen Ehe:

„Wann überzeugt Sie die Ehe als Einrichtung mehr: wenn Sie sie bei anderen sehen oder in ihrem eigenen Fall?“ Max Frisch, Tagebuch, S.59.

Aus Zürcher Manifest (unterzeichnet):

Wohltätigkeit ist das Ersaufen des Rechts im Mistloch der Gnade. (Pestalozzi)“ Max Frisch, Tagebuch, S.166.

Fragebogen Hoffnung:

Wissen Sie in der Regel was Sie hoffen?“ Max Frische, Tagebuch, S.179

Über Hass:

Vor allem meine ich sicher zu sein, daß mein Haß mich mehr geschädigt hat als sie, die ich haßte. Haß als Stichflamme, die plötzlich erhellt; dann aber verdummt er mich. Vielleicht kommt es daher, daß dem Hassenden eher an Versöhnung gelegen ist als dem Gehaßten. Wenn ich feststelle, daß jemand mich haßt, kann ich mich leichter entziehen; ich halte mich eben an andere, die mich nicht hassen. TrTrotz einer natürlichen Dosis von Selbsthaß bin ich vorerst irritiert, wenn ich mich von jemand (ohne daß ich ihm ein Bein gestellt hätte) gehaßt finde. Habe ich mit Sympathie gerechnet? Eigentlich nicht. Was irritiert ist die unerwartete Intensität einer einseitigen Beziehung; der Reflex ist nicht Gegen-Haß, vielleicht Verwirrung, vor allem aber Wachheit. Ich habe das Gefühl erfördere mich (zu einem gewissen Grad) durch Wachheit, oder ich kann den Hassenden vergessen. Umgekehrt nicht; als der Hassende halte ich mich an den Gehaßten, und es hilft mir nichts, daß er sich entzieht, im Gegenteil. Je seltener ich ihn sehe oder von ihm höre, umso gründlicher mein Haß, d.h. meine Selbstschädigung. […] Anders ist es mit dem Haß, der sich nicht auf eine Person bezieht, sondern auf ein Kollektiv oder insofern auf eine Person, als sie ein Kollektiv representiert. Mein einziger lebenslanger Haß: Haß auf bestimmte Institutionen. Da wird der Haß selbst eine Institution. Auch da schädigt der Haß vor allem mich selbst, aber ich bleibe meiner Selbstschädigung treu, weil dieser Haß sich als Gesinnung versteht und Gleichgültigkeit wie Versöhnung ausschließt.“  Max Frisch, Tagebuch, S.212f

Über Zeitung und Lüge:

Man kann nicht sagen, daß ihre Zeitung lügt; sie verhindert nur dreimal täglich die Aufklärung. Ihr Kniff: die Inhaber als die Verantwortungsbewußten. Nicht nur in Wirtschaft und Industrie, auch in der Armee.Die Inhaber sind von der Arbeitskraft abhängig, aber nicht von deren Meinung, hingegen ist die Mehrheit abhängig von der Meinung der Inhaber: Das ergibt das Verantwortungsbewußtsein der Inhaber.“ Max Frisch, Tagebuch, S.246.

Über Repressalien und die Gesinnung der Mehrheit:

Das ist in jedem System so. Die Angst vor Repressalien mausert sich zur Gesinnung. Zwar übernimmt diese Mehrheit nicht die Macht, daran hindert sie eben die Gesinnung, ihr Einverständnis mit den Machthabern; sie nimmt jetzt lediglich den Machtinhabern lediglich die Repressalie ab. RUHE UND ORDNUNG, dafür tritt der Stammtisch ein; das ein andersdenkender Lehrer aus der Schule fliegt, dafür müssen die Machthaber kaum noch sorgen, das besorgt die Mehrheit, , die sich die Macht-Inhaber durch Repressalie geschaffen haben, auf demokratische Weise. Man bezeichnet das Volk in der Schweiz gern als SOUVERÄN: weil ja die Mehrheit entscheide. Wie souverän ist die Mehrheit?“ Max Frisch, Tagebuch. S.251.

Aus Fragebogen Geld/ Reichtum:

Was tun sie für Geld nicht?“

Wenn Sie nicht aus eigenem Entschluß,(wie der heilige Franziskus), sondern umständehalber nochmals arm werden: wären Sie den Reichen gegenüber, nachdem Sie als Gleichgestellter einaml ihre Denkweise kennengelernt haben, so duldsam wie früher?“ Max Frisch,Tagebuch, 260ff

USA und Angst:

Amerika hat Angst. Die Macht-Inhaber unterstellen:Angst vor Rußland, Angst vor China, also Angst, die ihre Strategie rechtfertigt und die Kosten dieser Strategie. In den kleinen Bars oder Ateliers oder unter Wissenschaftlern oder in einem öffentlichen Park oder wo immer man ins Gespräch kommt, das sie selber anfangen, tönt es anders: Amerika hat Angst vor Amerika… Ich meine im Ernst, es habe sich zum Guten entwickelt, verglichen auch mit 1956, als ich zum zweitenmal dieses große Land durchreist habe; eine System.Kritik habe ich zwar nie gehört, auch nicht bei Leuten, die gegenüber Präsident und Administration im offenen Protest stehen; aber die die Angst vor sich selbst macht sie als einzelne humaner.“ Max Frisch, Tagebuch, S.314.

Fragebogen Heimat:

Warum gibt es keine heimatlose Rechte?“ Max Frisch, Tagebuch, S.383.

Fragebogen Eigentum:

Wem gehört Ihres Erachtens beispielsweise die Luft?“ Max Frisch, Tagebuch, S.403.

Fragebogen Tod:

Haben Sie Angst vor dem Tod und seit welchem Lebensjahr?“

Möchten Sie wissen, wie Sterben ist?“

Wem gönnen Sie manchmal ihren eigenen Tod?“

Wenn der Atem aussetzt und der Arzt es bestätigt: sind Sie sicher, daß man in diesem Augenblick keine Träume mehr hat?“

Welche Qualen ziehen Sie dem Tod vor?“

Wieso weinen die Sterbenden nie?“ Max Frisch, Tagebuch, S.224ff.

Nun, weil sie die Schnauze vermutlich voll haben.

Nach langer Pause, bandinternen Querelen und Egoismen. Hunter.Denoise spielen Live im Görlitzer Park in Berlin.

Vor bester Kreuzberger Kulisse, gegen den Sonnenuntergang und bei optimalen 25 Grad Celsius zeigte die Band, warum sie zum Besten gehört, was die Postleitzahlbereiche 12 04 und 10 99 zu bieten haben. Die Veranstalter nennen es Psychedelic Stoner Punk, wir nennen es jetzt auch Psychedelic Stoner Punk. Mehr Buzz Word geht nicht. Hunter.Denoise brauchen Buzz Words. Danke nochmal an Alle, die zwischen dem auf ewig trockenen Pamukkale-Brunnen, Edelweiß und Kreuzer waren und den Tag zu einem weiteren Erfolg für die Menschheit gemacht haben.

Den kompletten Live Mitschnitt gibt es HIER.

Und im übrigen bin ich der Meinung, dass diese Initiative unterstützt werden muss: Bizim Kiez,

 

Einer muss den Anfang machen. 48 Stunden Neukölln

So ist das. Anlässlich des Gentrifizierungsfestivals 48 Stunden Neukölln war ich praktisch als Vorband gebucht. Und da ich selbst 7 Jahre im Reuter-Kiez gewohnt  habe und, nachdem man unser Haus 3 mal verkauft hat, selber aus der Wohnung gekauft  und diese dann in eine Eigentumswohung umgewandelt wurde, habe ich dankend angenommen. Das ganze ging  bei uns so 2015 los, da kostete der qm in unserem Haus 2800 Euro, ein Jahr später haben die Pappnasen 4000 Euro bezahlt. Unsere 84qm Wohnung mit Schimmelproblem, aber mit schönem Blick ging für über 300.000 Euro nach München. Die Mama kauft für Sohnemann.

Lesung in der Buchkoenigin zu „48h in Neukölln“, 22.6.18

Aber es ging ja um mich und meine Lesung. Lief gut. Bücher verkauft. Torte war dabei und mit ihm Herr Tucholsky und Herr Brecht.  Auch wenn man ihn und sie auf den Bildern nur erahnen kann. Nächstes Mal kriegen alle ein Kissen auf den Stuhl. Wir haben Sekt getrunken, danach Bier und Gin Tonic, später bei Uschi in der Reichenberger, das ganze nochmal. Tiefpunkt unserer musikalischen Lesung war, anlässlich Campinos Geburtstag, meine Interpretation von „Reisefieber“

Punkrock in der Buchkoenigin zu „48h in Neukölln“, 22.6.18

vom  Hosen-Erstling, Opelgang, 1983 veröffentlicht. Vom Publikum wurde moniert, dass meine Gitarre zu laut gewesen sei und man den Text nicht vhabe verstehen können, besser so. Ist ja auch Punkrock. Aber die Akkustik in so einem Buchladen ist fantastisch. Bands sollten eigentlich nur in Buchläden auftreten. Es sind die Bücher in den Regalen, kaum glatte Wände in so einem Laden, kaum unerwünschter Hall, einfach super, besonders für überlaute Gitarren. Danke nochmal an Nina, eine der Besitzerinnen der Buchkönigin, die sichtlich verkatert in ein vermutlich langes Festivalwochenende ging. Kommenden Freitag ist dann aber wirklich Punkrock angesagt: Familienfest im Görlitzer Park. Wir sind uns für nüscht zu schade, Betriebsfeier, Hochzeit, Kinderfest. Hauptsache Fest.

 

 

Wolfgang Koeppen „Tauben im Gras“

Wolfgang Koeppen, Tauben im Gras.

Um es gleich vorweg zu nehmen: ein grandioses Buch! Ein Buch, das die unmittelbare Nachkriegszeit erlebbar macht. In vielen mehr oder weniger verbundenen Einzelgeschichten montiert „Tauben im Gras“ ein beeindruckendes Panorama einer bayerischen Stadt der Ende 40iger Jahre. Die Handlung beschreibt einen einzigen Tag aus der Perspektive einer Vielzahl von Personen aus den unterschiedlichsten Milieus. Der Reich-Ranicki (aus dessen Biografie ich den Tipp habe) hat den Kloepper ja geliebt, hat dessen Gesammelten Werke herausgegeben und sich für Koeppen eingesetzt. Ich kenne bisher nur „Tauben im Gras“ aber es ist, wie gesagt, ein Knaller. Von der Kritik als erster Teil einer „Triologie des Scheiterns“ (Das Treibhaus, Tod in Rom) und als sein bestes Buch gefeiert.

Die besiegten Deutschen – so unterschiedlichen Gestalten, die sich auf so unterschiedliche Weise beladen und ums Leben und Überleben kämpfend durch eine zerstörte und besetzte Stadt schleppen.

Die Besatzer – die ihr eigenes Bündel tragend mit den Besiegten arrangieren und einlassen müssen. Die Verwirrungen und Missverständnisse die zwischen Besiegten und Siegern enstehen. Überhaupt scheint sich jede Figur angstvoll ungläubig durch die Ruinen zu tasten, fortwährend darum bemüht zu verstehen, was um sie herum eigentlich vorgeht. Immer darauf bedacht die nächsten Bewegungen der Anderen vorherzusehen. Immer erstaunt wer noch so durch die Trümmer saust. Das Alte, das Bekannte im Kriegsfeuer verbrannt, das Neue noch unsicher und gefährtet.

Wird sicher nicht das letzte Buch sein, was ich von Wolfgang Koeppen gelesen haben werde. Nach den Romanen hat er relativ viele Reiseberichte geschrieben.